Wie alles begann – die Diagnose MS

Kortison-Infusion bei MS

Wie kam es eigentlich dazu, dass ich mit Multipler Sklerose diagnostiziert wurde? – Ein kleiner Rückblick:

Stress & Erkältung

2017 war ein ereignisreiches, stressiges Jahr. Im Februar konnten wir, einige Tage vor meinem 30. Geburtstag, nach über einem halben Jahr Baustellenchaos endlich in unser neu gebautes Haus einziehen. Aber auch nach dem Umzug gab es alle Hände voll zu tun – unter anderem stürzte ich mich mit Feuereifer in die Aufgabe, die schlammige Mondlandschaft rund um das Haus in einen Garten zu verwandeln.

Parallel dazu standen in meinem Job größere Umbrüche an und ich investierte viel Zeit und Herzblut, um mein damaliges Team gut durch die ganzen Veränderungen zu bringen. Auch nach Feierabend war ich mit den Gedanken oft noch in der Firma und arbeite bis in die Nacht hinein.

Im Herbst fing ich mir schließlich eine langwierige Erkältung mitsamt Mandelentzündung ein. Halsschmerzen, Husten, Schnupfen & zwischendurch immer mal wieder Schüttelfrost und Fieber zogen sich trotz Antibiotika über drei Wochen lang hin. Dennoch blieb ich nur zwei Tage lang daheim und ging ansonsten normal arbeiten. So dramatisch war es ja nun auch wirklich nicht.

Plötzlich sah ich alles doppelt

Tja – bis ich an einem Mittwochmorgen auf einmal alles außerhalb des Nahbereichs doppelt sah, so als sei ich betrunken. Ungefähr so:

Doppelbilder dank Sehnerventzündung bei Multipler Sklerose

Das jagte mir schon einen ziemlichen Schrecken ein, aber meine Parole hieß erstmal: “Kommt von alleine, geht von alleine”.
Da ich problemlos lesen und am Rechner sitzen konnte und nicht Auto fahren musste, ging ich tatsächlich einfach weiter arbeiten.

Freitags war dieses gruselige Doppeltsehen aber noch immer nicht besser geworden und so fand ich mich vor dem Wochenende dann doch sicherheitshalber bei meiner Hausärztin ein. Die wiederum fackelte nicht lange und überwies mich gleich ins Krankenhaus.

Untersuchungen im Krankenhaus

Nach einem Intermezzo in der Notaufnahme und diversen Blutentnahmen wurde ich gleich stationär aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt machte ich mir übrigens gar keine großartigen Gedanken darüber, wo die Doppelbilder herkommen könnten. Ich schob sie einfach auf eine Folge der langwierigen Erkältung und googelte noch nicht einmal die Symptome. Eigentlich total untypisch für mich. 😀

Insgesamt war ich eine Woche lang im Krankenhaus. In dieser Zeit wurde jede Menge Diagnostik gemacht: ein CT, mehrere MRT-Aufnahmen vom Kopf und vom Rücken, Röntgen, eine augenärztliche Untersuchung, EEG, EMG (Elektromyografie)… und eine Lumbalpunktion.

Dabei wird mit einer langen Nadel aus dem Rückenmark Flüssigkeit entnommen, das Liquor.
Die Entnahme an sich fand ich harmlos, es piekste halt ein wenig.

Allerdings erwischten mich die Nebenwirkungen volle Breitseite: nach einigen Stunden bekam ich die heftigsten Kopfschmerzen meines Lebens. Es fühlte sich an, als würde mein Gehirn ins Rückenmark gesaugt. Sitzen oder Stehen war mehrere Tage lang fast unmöglich, ich vegetierte hauptsächlich im Bett vor mich hin, hatte massive Kreislaufprobleme, musste mich mehrfach übergeben und wurde im Rollstuhl zu den weiteren Untersuchungen gebracht.

Letztlich kämpfte ich in den nächsten Tagen mehr mit den Folgen der Liquorpunktion als mit den Doppelbildern oder der Erkältung.

Ich war mit den Nerven fertig und wollte einfach nur noch nach Hause. So schnell wurde daraus aber nichts, denn bei der Visite hieß es:

Mit Ihren Werten stimmt etwas nicht, wir möchten Sie gerne einige Tage lang mit hochdosiertem Kortison intravenös behandeln.

Die Kortison-Infusionen verliefen recht unspektakulär, ich hatte Glück und vertrug sie gut – und das Doppeltsehen normalisierte sich langsam wieder.

Kortison-Infusion bei MS

Diagnose: MS

Und woher kamen meine Probleme nun? Ich hatte das ja auf diese Mega-Erkältung / eine Super-Infektion geschoben. So einfach war das alles aber anscheinend nicht.
War MS anfangs nur einer von diversen unwahrscheinlichen Punkten, die es in der Diagnostik auszuschließen galt, nahmen die Ärzte dieses Wort plötzlich so oft in den Mund, dass mir ganz anders zumute wurde.

MS, das ist doch das, was ein ehemaliger Nachbar in meiner Kindheit hatte… der jahrelang bewegungslos in einem Pflegebett im Wohnzimmer vor sich hin vegetierte. Urgh. Ich klammerte mich an die Hoffnung, dass es ja auch andere Ursachen haben könnte.

Letztlich häuften sich leider immer mehr Indizien für Multiple Sklerose:

  • In meinem Gehirn fanden sich Läsionen, also MS-typische Veränderungen, die auf frühere Entzündungen hindeuten.
  • Auch die aktuellen Sehstörungen kamen davon: ein MS-Schub in Form einer Sehnerventzündung. Dass das ganz typisch für MS ist, lernte ich erst später.
  • Die Liquoruntersuchung zeigte oligoklonale Banden, was ebenfalls auf Entzündungsprozesse im ZNS (Zentralen Nervensystem) hinweist.
  • Meine Bauchhautreflexe stellten sich als erloschen heraus, auch so eine typische MS-Geschichte.

Rückblickend betrachtet fielen mir später auch Symptome aus früheren Jahren auf, denen ich damals nicht weiter nachgegangen war und die jetzt aber ins Bild der MS passten.

Als die Ärzte mir einen ganzen Stapel Infomaterial zum Thema MS in die Hand drückten, fühlte es sich dennoch sehr… unwirklich an.

Nach vier Tagen Kortison i.v. bildeten sich die Doppelbilder zum Glück zurück und nach einer Woche wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Eine Zeit lang sah ich noch doppelt, wenn ich mich anstrengte, etwa auf meiner Laufrunde. Aber auch das hat sich glücklicherweise wieder gegeben.


Tja… so kam ich also zur Diagnose Multiple Sklerose.

Der Tag der Diagnosestellung war übrigens der 19. Oktober 2017 – und auch wenn sich nach außen hin an diesem Tag nicht von jetzt auf gleich alles geändert hat, markiert das Datum doch eine Zäsur in meinem Leben.